JOHANNES-STURM (1507-1589): Pädagoge , Schulgründer und Humanist aus Schleiden

Die pädagogischen Schriften des Schleideners Johannes Sturm sind Teil der Entwicklung des europäischen Schulwesens und mit Grundlagen des humanistischen Gymnasiums.

Ein Beitrag von Heike Schumacher anlässlich der 2016 stattfindenen 150 Jahrfeier des Städtischen Gymnasiums.

Johannes Sleidanus

SturmiusWenn das Städtische Gymnasium im nächsten Jahr sein 150-jähriges Jubiläum feiert, soll dies zum Anlass genommen werden, über den Geist der Bildung, aus dem heraus das Gymnasium als Bürgerstiftung hervorgegangen ist, näher zu berichten. Im Folgenden geht es um das Klima von aufgeklärter Bildung und sich entwickelnden Protestantismus, für das zwei Gelehrte des 16. Jahrhunderts, beide Schleidener, eine große Rolle gespielt haben: Johannes Sturmius und Johannes Sleidanus. Im Folgenden wird für die Biographie besonders die Darstellung von Rudolf Streubel[1] herangezogen. 2009 untersuchte Bernd Schröder anlässlich des 500. Geburtstages von Johannes Sturm dessen Schulschriften[2].

  1. Sleidanus und Sturmius

Johannes Sturm (1.10.1507 – 3.3.1589) und Johannes Philippi, genannt Sleidanus (1506-1556) sind die zwei großen Namen der Schleidener Kirchen- und Schulgeschichte, die als herausragende Persönlichkeiten ihrer Zeit Bildung und Geschichte in ganz Europa beeinflusst haben. Da sich der letztere nach seiner Heimatstadt in latinisierter Form benannt hat, ist er heute der bekanntere. Für die Entwicklung des europäischen Schulwesens ist aber Sturmius derjenige, der ein wenig zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist gegenüber seinem lebenslangen Freund und Gefährten Sleidanus. Sturmius‘ pädagogische Schriften haben die Grundlage des humanistischen Gymnasiums geschaffen.

  1. Jugend und Studium: Von Schleiden nach Lüttich, Leuven und Paris

Johannes Sturm entstammte dem wohlhabenden, gebildeten Schleidener Bürgertum. Sein Vater war Rentmeister des Grafen Dietrich IV. von Manderscheid-Schleiden. Die Zeit des frühen 16. Jahrhunderts war eine Zeit des Wohlstandes im Schleidener Tal, herbeigeführt durch die Reidtmeister der Eisenwerke. Johannes Sturm besuchte die Schleidener Schule unter dem humanistisch eingestellten Johannes Neuburg. Vom 9. Lebensjahr an ließ Graf Dietrich IV. ihn mit seinem Sohn Dietrich, dem späteren Dietrich dem V. erziehen. Seine Schleidener Lateinschule und seine Hauslehrer am Grafenhof erwähnt er später in seinen veröffentlichten Briefen als vorbildlich und er erinnert sich mit Dankbarkeit an die ihm erwiesene Erziehung[3]: Mit 14 Jahren wird Sturm 1521 zur weiteren Ausbildung nach Lüttich geschickt, wahrscheinlich zusammen mit dem Grafensohn. Die weiteren Studien führten ihn 1524 nach Leuven, diesmal zusammen mit dem ein Jahr älteren Sleidanus. 1527 erwarb er die Magisterwürde, und begann, neben seinem eigenen Studium Vorlesungen zu halten. In Paris setzte er 1529 seine Studien fort. An der damaligen „Pilgerstätte humanistischen Geistes“ , dem von Francois Ier gegründeten Collège Royal, dem späteren Collège de France, erhielt Sturm einen Lehrstuhl, an dem er acht Jahre lang über Cicero, Demosthenes und die Dialektik in einem so klaren Latein las, dass sein Ruf sich auch in andere Länder verbreitete. Sturm und Sleidanus fühlten sich aber auf Dauer in Frankreich nicht sicher, das die Hugenotten verfolgte und ließen sich schließlich 1537 (Sturmius) bzw. 1544 (Sleidanus) für immer in der protestantisch regierten freien Reichsstadt Straßburg nieder. Hier beginnt nun das pädagogische und schulpolitische Wirken von Sturmius, das auch wieder in die Heimatstadt zurückwirkte.

  1. Sturmius als Schulgründer und Organisator in Straßburg

Sturmius gilt zu Lebzeiten bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts als CICERO TEUTONICUS, als CICERO DEUTSCHLANDS, seine Lehrmethode wird als terminus technicus in den Statuten der Universität Straßburg als „Methodus Sturmiana“ festgesetzt. „Seine Leistung besteht darin, das organisatorische und fachliche Konzept für das Gymnasium einer evangelischen freien Reichsstadt samt Lehrplan, Methodik und Unterrichtsbüchern entworfen und dieses Konzept in […]Straßburg exemplarisch realisiert zu haben“[4]. SchulschildgymnaseJeanSturmWie kam es dazu? Sturm war ein solcher „Star“ der Lehre, dass andere Schulmeister sogar ihrer Kurse vernachlässigen, um seine Vorlesungen hören zu können. Lehrende und der Magistrat von Straßburg, beeindruckt von seinem Esprit, beauftragen ihn daraufhin, ein Konzept zur Reorganisation des Schul- und Universitätswesens in Straßburg zu verfassen. Seine Schrift „De literatum ludis recte aperiendis“ wurde mit Begeisterung aufgenommen und sofort angewandt. In den Räumen eines ehemaligen Dominikanerklosters gründete Sturm nur ein Jahr nach seiner Ankunft in Straßburg 1538 das protestantische Gymnasium, das unter seinem Ruf schnell europäischen Ruhm erlangt. Die Schola Argentoratensis (Straßburger Schule) besteht bis heute als privates protestantisches Gymnasium unter dem Namen „Gymnase Jean Sturm“ weiter.

Dieses Gymnasium bildete das Modell für die deutschen Gymnasien bis in das 20. Jahrhundert hinein. So geht die Zählung der Schuljahre am Gymnasium von der Sexta bis zur Oberprima auf ihn ebenso zurück wie der Schulbeginn mit sechs Jahren. Der klare Aufbau des Studiengangs in Klassen mit Klassenlehrern und festem Pensum galt als vorbildlich in Europa. SturmiusP1060246 (2)Dabei betont er als erster das Prinzip der Schülerorientierung, der Lernstoff müsse dem Alter und geistigen Vermögen des Schülers angemessen sein. Ebenso gibt er Regeln für den Umgang der Lehrer mit den Schülern, der gerecht und vorbildhaft zu sein habe. Sein Gymnasiumsideal ist das des „gymnasium illustre“, einer Kombination aus Schule und öffentlichen Vorlesungen. 1566 wurde ihr von Kaiser Maximilian II der Status einer Akademie mit dem Recht auf Verleihung der Baccalaureus- und Magisterwürde zuerkannt, die Erhebung zur Universität gelang erst nach Sturms Tod. Auf dem Hauptgebäude der Straßburger Universität befindet sich noch heute eine Statue von Johannes Sturm.

  1. Sturmius‘ Ideal der „Gelehrten Frömmigkeit“ (Pietas Literata)

Das Christentum versteht sich – zumal aus evangelischer Perspektive- geradezu als „denkende Religion“, die evangelische Kirche wird nicht selten als „Bildungsinstitution“ charakterisiert“[5] Mit der Reformation ergab sich eine neue Notwendigkeit: Durch die Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Konfessionen wurde es notwendig, dass alle Getauften, zumindest aber die Spitzen von Kirche und Staat, in Hinblick auf ihre Religion auskunftsfähig wurden, eben in beredter Weise gelehrt und fromm. Dieses Ideal strebt Sturm an, das er in dem Motto PIETAS LITERATA (gelehrte Frömmigkeit) zusammenfasst. Frömmigkeit, Wissen und Beredsamkeit sind die Ziele seiner Bildung. Frömmigkeit heißt dabei zum einen, ethisch richtig zu handeln und zum anderen, die religiösen Überzeugungen im Alltag in tätige Nächstenliebe zu verwandeln. Der ideale Gelehrte ist für Sturm kein Gelehrter in seiner Studierstube, sondern derjenige, der im praktischen Leben als Jurist, Diplomat, Arzt oder Prediger aktiv am Leben von Staat und Kirche teilnimmt und dieses verantwortlich gestaltet. Gedenktafel JeanSturmGymnDie dritte Fähigkeit der Beredsamkeit ist ihm dabei besonders wichtig. Es geht ihm darum, Bildung und Frömmigkeit auch überzeugend und fundiert weitergeben zu können, dazu zählte zur damaligen Zeit immer der Ausdruck auf Latein. Seine Schule war ein Erfolgsmodell, Studenten nicht nur aus Deutschland, sondern aus allen Teilen Europas besuchten seine Schule, selbst Prinzen, Grafen und andere Adelige waren unter den Schülern der Schule, die zu ihrer Blütezeit über 600 Schüler hatte. Über die Schule in Straßburg hinaus gründete er weitere Schulen bis hin nach Polen und Rumänien. Seine berühmteste bleibt aber das gynnasium illustre von Straßburg.

Sturms Ideal der „pietas literata“ ist bis heute von maßgeblicher Bedeutung. Die Synthese von Bildung und gelebter christlicher Religion, von Vernunft und Religion ist auch heute noch erstrebenswert und modern.

Text: Heike Schumacher
Fotos: Phil. Fakultät der Universität Düsseldorf
und Erik Schumacher
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[1] Rudolf Streubel, Johannes Sturm, der große Pädagoge des 16. Jahrhunderts, Festschrift 1957, S. 58 bis 72.
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[2] Bernd Schröder (Hg.): Johannes Sturm (1507-1589) – Pädagoge der Reformation. Zwei seiner Schulschriften aus Anlass seines 500.Geburtstages. Lateinisch-deutsche Lese-Ausgabe, übersetzt von Ernst Eckel und Hans-Christoph Schröter. Jena 2009
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[3] Sturmius, Classicae epistolae , Abschnitt III; Vgl. Schröder, S.15, Anm. 23
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[4] B. Schröder, S. 9
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[5] B. Schröder, S. 9

 

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