{"id":2378,"date":"2015-06-25T13:35:31","date_gmt":"2015-06-25T13:35:31","guid":{"rendered":"http:\/\/gf-sle.de\/?p=2378"},"modified":"2017-06-28T07:36:54","modified_gmt":"2017-06-28T07:36:54","slug":"schutt-der-geschichte-oder-das-vergessene-dorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gf-sle.de\/?p=2378","title":{"rendered":"Aus der Bilderkiste: Schutt der Geschichte oder das vergessene Dorf"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: justify;\">ein Beitrag von F.A. Heinen. <!--more--><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus den Augen, aus dem Sinn: Die sprichw\u00f6rtliche Einsch\u00e4tzung trifft gewiss f\u00fcr das \u201aDorf Vogelsang\u2018 zu, das &#8211; bis 2005 im Truppen\u00fcbungsplatz gelegen &#8211; nach 1945 alsbald in Vergessenheit geriet. \u00dcberreste der H\u00e4user sind bis auf den heutigen Tag vom Nationalparkweg unterhalb des Erinnerungsortes Wollseifen durch das Neffgesbachtal nach Vogelsang gut erkennbar.<\/p>\n<div id=\"attachment_2380\" style=\"width: 290px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/02_Dorf-Vogelsang.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2380\" class=\"wp-image-2380\" src=\"https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/02_Dorf-Vogelsang-150x150.jpg\" alt=\"\u00dcberreste des nie fertiggestellten Nazi-Dorfes zwischen Wollseifen und Vogelsang. Zustand 2004. Foto: Heinen \" width=\"280\" height=\"211\" srcset=\"https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/02_Dorf-Vogelsang-300x226.jpg 300w, https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/02_Dorf-Vogelsang-1024x771.jpg 1024w, https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/02_Dorf-Vogelsang.jpg 1360w\" sizes=\"auto, (max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2380\" class=\"wp-caption-text\">\u00dcberreste des nie fertiggestellten Nazi-Dorfes zwischen Wollseifen und Vogelsang. Zustand 2004. Foto: Heinen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das als \u201aNS-Mustersiedlung\u2018 angelegte Retortendorf war ab 1938 als eine der zur Ordensburg Vogelsang geh\u00f6rende Infrastruktureinrichtung geplant worden. Das neue, f\u00fcr damalige l\u00e4ndliche Verh\u00e4ltnisse gro\u00dfz\u00fcgig entworfene Siedlungsgebiet einschlie\u00dflich diverser \u00f6ffentlicher Einrichtungen, vom Kindergarten \u00fcber die eigene Schule bis zum Friedhof, sollte teils aus Mehrfamilienh\u00e4usern bestehen, teils auch aus freistehende Einzelh\u00e4usern. Bilder aus dem Nachlass des K\u00f6lner Architekturfotografen Hugo Schm\u00f6lz<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> aus dem Jahr 1941 zeigen allerdings lediglich einen realisierten Haustyp \u2013 ein Dutzend jeweils im Rohbau fertiggestellte Mehrfamilienh\u00e4user. Erbaut wurden sie offenbar aus Schwemmsteinen. Bereits 1939 legte der D\u00fcsseldorfer Architekt Professor Fritz Becker Pl\u00e4ne f\u00fcr eine gro\u00dfz\u00fcgige Erweiterungsplanung vor. Er schlug ganz unterschiedliche Haustypen vor, \u00fcberwiegend jedoch in regionaltypischer Fachwerk-Bauweise, und pr\u00e4sentierte dazu einen Lageplan.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Diese Erweiterung wurde zwar nie realisiert, aber sie war von der DAF auf Betreiben der F\u00fchrung der NS-Ordensburg Vogelsang in Auftrag gegeben, die Fertigstellung war f\u00fcr die Zeit nach dem Krieg beabsichtigt.<\/p>\n<div id=\"attachment_2379\" style=\"width: 360px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/01_Dorf-Vogelsang-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2379\" class=\"wp-image-2379\" src=\"https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/01_Dorf-Vogelsang-1.jpg\" alt=\"Das bereits teilweise zerst\u00f6rte \u201aDorf Vogelsang\u2018 wenige Jahre nach dem Beginn der Man\u00f6ver im Truppen\u00fcbungsplatz. Foto: Sammlung Heinen\" width=\"350\" height=\"166\" srcset=\"https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/01_Dorf-Vogelsang-1.jpg 1200w, https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/01_Dorf-Vogelsang-1-300x142.jpg 300w, https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/01_Dorf-Vogelsang-1-1024x486.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2379\" class=\"wp-caption-text\">Das bereits teilweise zerst\u00f6rte \u201aDorf Vogelsang\u2018 wenige Jahre nach dem Beginn der Man\u00f6ver im Truppen\u00fcbungsplatz. Foto: Sammlung Heinen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits Anfang 1940 behauptete der Vogelsanger Burgkommandant Hans Dietel, dass im Stadium des Endausbaus der Anlage Vogelsang dort und in dem benachbarten \u201aDorf Vogelsang\u2018 insgesamt 4500 Menschen leben sollten. Die H\u00e4user sollten den hauptamtlichen Angeh\u00f6rigen des Stammf\u00fchrerkorps sowie den von ausw\u00e4rts stammenden Verwaltungs- und Dienstleistungsmitarbeitern einen gemeinsamen, ausschlie\u00dflich nationalsozialistisch besiedelten Wohnort bieten. Geplant war also ein rein nationalsozialistisch besiedeltes Dorf. In einem Schreiben der NS-Ordensburg an die Regierung in Aachen forderte Dietel unzweideutig, \u201eeine Gemeinde zu errichten, die wirklich in jedem Punkt den Forderungen der nationalsozialistischen Gemeindepolitik entspricht, d.h. es muss hier eine nationalsozialistische Mustersiedlung entstehen. [&#8230;] Nach v\u00f6lligem Ausbau der Ordensburg werden in der Burggemeinde Vogelsang mindestens 4500 Menschen wohnen.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Die Gemeinde Dreiborn, die zu der Zeit die Amtsb\u00fcrgermeistergesch\u00e4fte in Vogelsang erledigte, z\u00e4hlte damals nur 890 K\u00f6pfe. Dietel gab in dem Schreiben weiter an, dass bereits zum 1. Mai 1940 die ersten 60 Familien einziehen w\u00fcrden. Weiter folgerte er, da dort k\u00fcnftig 120 Kinder beschult werden w\u00fcrden, m\u00fcsse \u201esehr schnell eine Schule in der Burggemeinde Vogelsang\u201c erbaut werden. Daher sei eine schnelle Regierungsentscheidung erforderlich. Allerdings sto\u00dfe vorerst der weitere Ausbau auf Schwierigkeiten, da es kriegsbedingt einen erheblichen Mangel an Arbeitskr\u00e4ften und Material gab. Verantwortlich f\u00fcr die Schaffung der Siedlung einschlie\u00dflich der Verkehrs- und Versorgungsanlagen sei nach der Ansiedlungsgenehmigung die Tr\u00e4gerin des Siedlungsunternehmens. Der Schleidener Landrat Josef Schramm verwies allerdings darauf, dass \u201eder Siedlungsunternehmerin [&#8230;] die Auflage gemacht ist, [&#8230;] eine entsprechende Volksschule zu errichten und zu unterhalten.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Somit sei die Kommune f\u00fcr die Errichtung der Schule nicht zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Plan-Zeichnung mit einer Gesamtplanung Vogelsangs des Architekten Klotz aus dem Jahr 1941 machte deutlich, dass die zu der Zeit immer noch im Rohbau stehenden Bauten des Dorfes Vogelsang erst der Anfang eines weitaus gr\u00f6\u00dferen Projektes waren. Die Siedlung war als Stra\u00dfendorf angelegt.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Noch am 29. November 1942 gew\u00e4hrte die DAF der Gesellschaft \u201aNeue Heimat\u2018 f\u00fcr den Bau von insgesamt 114 neuen H\u00e4usern ein Darlehen \u00fcber 800.000 RM f\u00fcr den Bau. Aber tats\u00e4chlich ruhte die Baustelle bis Kriegsende. Da die ersten Bauwerke 1945 mindestens als Rohbauten fertiggestellt waren, wurden dort Evakuierte aus dem s\u00fcdlichen Kreis Monschau provisorisch untergebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Einnahme des Gebietes durch die US-Truppen Anfang Februar 1945 wiesen sie dort einige internierte Zivilisten ein, die die erste Gelegenheit zur R\u00fcckkehr nach Hause nutzten.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach 1945 stritten die Projektbeteiligten, bzw. deren Rechtsnachfolger ausgiebig um die Bezahlung der Baukosten f\u00fcr das Dorf. Der Streit entbrannte zwischen dem Treuh\u00e4nder f\u00fcr das ehemalige Verm\u00f6gen der DAF und der Gesellschaft \u201aNeue Heimat\u2018, die die Geb\u00e4ude errichtet hatte. Ausweislich der Bilanzen sei an reinen Baukosten ein Betrag von RM 1.183.811 Reichsmark aufgewendet worden. Der Treuh\u00e4nder forderte nun von der \u201aNeuen Heimat\u2018 die Summe zur\u00fcck mit der Begr\u00fcndung, das Dorf sei nicht errichtet worden, die bereits bestehenden Geb\u00e4ude seien wieder abgerissen worden. Der Streit ums liebe Geld verlief schlie\u00dflich im Sande.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Geschichtsforum Schleiden hat weiterhin gro\u00dfes Interesse an der Reproduktion oder \u00dcbernahme von privaten Zeugnissen zur regionalen Geschichte. Das k\u00f6nnen Fotoalben sein, aber auch Dokumente, Briefe oder auch Tageb\u00fccher. Wir \u00fcbernehmen gerne solche Nachl\u00e4sse, werten sie aus und lagern archivw\u00fcrdiges Quellenmaterial ein. Kontaktieren Sie uns: F.A. Heinen, Tel. 0176 322 390 97, E-Mail: fox-alpha@t-online.de oder mit unserem <a href=\"https:\/\/gf-sle.de\/?page_id=2271\">Kontaktformular<\/a>.<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">&#8212;&#8212;<br \/>\n[1]<\/a> Heute im Archiv des Fotostudios von Wim Cox, K\u00f6ln.<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><br \/>\n&#8212;&#8211;<br \/>\n[2] <\/a>Die Pl\u00e4ne dazu sind erhalten im BArch Berlin, Bestand NS 1,705: Reichsschatzmeister der NSDAP. Siedlungsbauten Vogelsang. Antragsteller: DAF 1939-1942. 42 Einzelpl\u00e4ne des D\u00fcsseldorfer Architekten Professor Fritz Becker vom April 1939. Ob Becker tats\u00e4chlich mit der Bauausf\u00fchrung beauftragt wurde, ist jedoch unklar. Realisiert wurde diese Erweiterungsplanung jedenfalls nie.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">&#8212;&#8211;<br \/>\n[3] <\/a>Hans Dietel: Schreiben an den Regierungspr\u00e4sident in Aachen v. 16. August 1940, in: Archiv der Stadt Schleiden, Akten Gem\u00fcnd, Ordensburg Vogelsang, 1940, Akte 0, Nr. 01-2.<a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\"><br \/>\n&#8212;&#8211;<br \/>\n[4]<\/a> Entwurf einer Replik des Landrats Schleiden auf die Forderung nach einer eigenen Burggemeinde samt aller Kommunalrechte, Schleiden, November 1940, Betrifft: Errichtung einer selbst\u00e4ndigen Gemeinde Vogelsang, in: Archiv der Stadt Schleiden, Altakten Gem\u00fcnd, Akte 0, Nr. 01 \u2013 2.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">&#8212;&#8211;<br \/>\n[5]<\/a> Plan in: Sammlung Sawinski, in: Archiv Vogelsang.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">&#8212;&#8211;<br \/>\n[6]<\/a> Franz Monheim: Kleine Chronik von J\u00e4gersweiler. O. Datum u. Ort.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">&#8212;&#8211;<br \/>\n[7] <\/a>Akten betreffs \u00dcbertragung von Verm\u00f6genswerten durch den allgemeinen Organisationsausschuss in Celle auf das Land NRW, in: HStA NRW, NW 90, Nr. 328.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ein Beitrag von F.A. 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