{"id":5088,"date":"2019-06-12T17:00:19","date_gmt":"2019-06-12T17:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/gf-sle.de\/?p=5088"},"modified":"2019-06-14T08:38:23","modified_gmt":"2019-06-14T08:38:23","slug":"synagoge-gemuend-erinnerungstafel-an-neuem-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gf-sle.de\/?p=5088","title":{"rendered":"Synagoge Gem\u00fcnd; Erinnerungstafel an neuem Ort"},"content":{"rendered":"<p>An drei Stellen in Gem\u00fcnd verweist die Stadt auf den fr\u00fcheren Standort der Synagoge: <!--more-->Nahe der Kreuzung erinnert eine Stele an das j\u00fcdische Gotteshaus und seine Zerst\u00f6rung bei dem November-Pogrom 1938; unmittelbar am fr\u00fcheren Standort findet man eine der Tafeln des Stadtrundganges, die weitere Informationen beisteuert. Seit Dienstag, 12. Juni 2019, hat nun auch die 1979 nahe am ehemaligen Standort an einer Mauer angebrachte Erinnerungstafel einen w\u00fcrdigen Platz gefunden. Sie musste als Folge einer Bauma\u00dfnahme an anderer Stelle neu befestigt werden. In kleinem Rahmen wurde dieser \u00e4lteste Hinweis im Stadtbild am neuen Standort jetzt nochmals seiner Bestimmung \u00fcbergeben.<\/p>\n<p>Sowohl der nun auf einem Privatgrundst\u00fcck auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite gefundene Aufstellungsort als auch die neue Gestaltung der Befestigung tragen zur Verbesserung der Gesamtsituation bei. Nun ist die Tafel in einem stabilen Rahmen fest im Boden verankert und optisch aufgewertet. Erstmals wird dieses Memorial nun tats\u00e4chlich f\u00fcr Passanten gut sichtbar in den Blick ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Eine ganze Reihe von Akteuren hatte sich f\u00fcr die Neuaufstellung ins Zeug gelegt. B\u00fcrgermeister Ingo Pfennings und Sophia Eckerle von der Stadtverwaltung hatten bei der Suche nach einem neuen Standort in dem aus Gem\u00fcnd stammenden Bundestagsabgeordneten Markus Herbrand einen aktiven Mitstreiter gefunden. Er ebnete den Weg f\u00fcr die Aufstellung auf dem Grundst\u00fcck Dahmen. Der Schmiedemeister Max Harth gestaltete fachm\u00e4nnisch die neue Befestigung, die der st\u00e4dtische Bauhof schlie\u00dflich am neuen Standort anbrachte.<\/p>\n<p>Zu der Veranstaltung spielte der Mechernicher Saxophonist Markus Lorse einige sehr passende Musikst\u00fccke. Unter den Teilnehmern waren auch etliche Mitglieder des Geschichtsforums Schleiden.<\/p>\n<p>Die Synagoge stand an der Kreuzbergseite der fr\u00fcheren M\u00fchlenstra\u00dfe, heute Kreuzbergstra\u00dfe 12. Die im 19. Jahrhundert sp\u00fcrbar gewachsene j\u00fcdische Gemeinde hatte die kleine Landsynagoge 1874 erbaut, nachdem vorher provisorische Bet- und Versammlungsr\u00e4ume genutzt worden waren. Aus Kostengr\u00fcnden war das neue Bauwerk nur sparsam geschm\u00fcckt worden, selbst auf den sonst \u00fcblichen Einbau einer gew\u00f6lbten Decke hatte die Gemeinde verzichtet. Das Geb\u00e4ude bot 90 Sitzpl\u00e4tze f\u00fcr M\u00e4nner im Betraum und weitere 30 Pl\u00e4tze f\u00fcr Frauen auf der Empore. Das war hinreichend Platz f\u00fcr die j\u00fcdische Gemeinde, die um das Jahr 1880 knapp 80 Mitglieder hatte. Das \u201eUnterhaltungsblatt\u201c wusste in der Ausgabe vom 6. M\u00e4rz 1874 zu berichten, dass die Einweihung unter Teilnahme der nichtj\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung in w\u00fcrdigem Rahmen stattgefunden habe. Das Blatt betonte das herzliche Einvernehmen zwischen allen Konfessionen in Gem\u00fcnd. Allerdings wurde die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerungsgruppe in den folgenden Jahrzehnten zahlenm\u00e4\u00dfig deutlich kleiner. 1911 lebten in Gem\u00fcnd nur 51 Juden, 1933 noch 34.<\/p>\n<p>Ab 1933 setzte die Drangsalierung der Juden ein und erreichte \u00f6rtlich mit dem Pogrom in der Nacht zum 10. November 1938 einen vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt. Gesch\u00e4fte wurden verw\u00fcstet, Juden wurden misshandelt, und die Synagoge wurde gem\u00e4\u00df einer Anordnung des Propagandaministers Joseph Goebbels an die Parteidienststellen im Reichsgebiet zerst\u00f6rt. Als Vorwand nutzte Goebbels die Ermordung des Legationssekret\u00e4rs Ernst vom Rath in Paris.<\/p>\n<p>Die Stapo-Leitstelle in Aachen informierte am Abend den Regierungsoberinspektor Kummer im Landratsamt in Schleiden dar\u00fcber, dass bis zum folgenden Morgen alle Synagogen im Kreis Schleiden zu zerst\u00f6ren seien. Den Befehl leitete Kummer an den Amtsb\u00fcrgermeister Wilhelm Fischer in Blumenthal weiter, der zugleich NSDAP-Ortsgruppenleiter und f\u00fchrender SD-Vertreter im Kreis Schleiden war. Die Umsetzung der Anordnung \u00fcbernahmen NS-Funktion\u00e4re aus der Region, aber ebenso spielten ausw\u00e4rtige T\u00e4ter eine aktive Rolle. In Gem\u00fcnd waren das beispielsweise Akteure der NS-Ordensburg Vogelsang. Auch Einheimische nahmen aktiv an den Ausschreitungen teil. Der Feuerwehr untersagte der damalige Ortsgruppenleiter der NSDAP und Chef der Gem\u00fcnder Feuerwehr, Heinrich Lintzen, jeden Versuch, die Synagoge zu retten. Zwar wurden die Schl\u00e4uche ausgerollt, aber L\u00f6schversuche unterblieben.<\/p>\n<div id=\"attachment_5100\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Bild-Familienbesitz-Herbrand.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5100\" class=\"size-medium wp-image-5100\" src=\"https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Bild-Familienbesitz-Herbrand-300x223.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"223\" srcset=\"https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Bild-Familienbesitz-Herbrand-300x223.jpg 300w, https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Bild-Familienbesitz-Herbrand-768x571.jpg 768w, https:\/\/gf-sle.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Bild-Familienbesitz-Herbrand-1024x761.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5100\" class=\"wp-caption-text\">Die zerst\u00f6rte Synagoge nach dem Brand.<\/p><\/div>\n<p>Ein Bild aus dem Nachlass des Fotografen Herbrand zeigt den Zustand der ausgebrannten Synagoge am Morgen des 10. November 1939: Die Schl\u00e4uche liegen noch, Feuerwehr- und Polizeiangeh\u00f6rige sind noch am Ort. Das Bild suggeriert Normalit\u00e4t bei Brandeins\u00e4tzen; aber davon konnte 1938 keine Rede sein. Lintzen wurde nach 1945 wegen der Beteiligung an der Brandstiftung der Synagoge zu einer eher milden Strafe verurteilt. Beteiligt waren jedoch auch andere aus dem Schleidener Land. Die j\u00fcdische Gemeinde wurde nach 1939 praktisch ausgel\u00f6scht, nur wenige \u00fcberlebten den Krieg.&nbsp;<\/p>\n<p>Der Bundestagsabgeordnete Markus Herbrand hatte sich sehr engagiert in die Suche nach einem neuen geeigneten Aufstellungsplatz eingebracht. Er ergriff auch selbst als Bundespolitiker das Wort.<\/p>\n<p>Die nun wesentlich besser als vorher platzierte Erinnerungstafel verhehlt nicht, dass sie zu einem recht fr\u00fchen Zeitpunkt 1979 erstellt wurde. Die Verantwortung f\u00fcr das Geschehen wird eher anonymen Elementen zugeschoben, die eigene Verantwortung f\u00fcr das Geschehen hingegen verschleiert. Der Text gibt nur sehr vage und allgemein an, dass die Tafel f\u00fcr die Juden errichtet worden sei, die \u201ein den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ihr Leben verloren haben\u201c. Die Beteiligung der regionalen Akteure wird verschwiegen.<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich w\u00e4re es mittelfristig sinnvoll, im Tafeltext auch auf die Mitverantwortung der Region hinzuweisen und sich klar zu bekennen.<\/p>\n<h6 style=\"text-align: right;\"><em>Text\/Bilder von F.A. Heinen<\/em><\/h6>\nngg_shortcode_0_placeholder\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An drei Stellen in Gem\u00fcnd verweist die Stadt auf den fr\u00fcheren Standort der Synagoge:<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[9,87],"tags":[],"class_list":["post-5088","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ns-zeit","category-vortraege-und-veranstaltungen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gf-sle.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5088","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gf-sle.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gf-sle.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gf-sle.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gf-sle.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5088"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/gf-sle.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5088\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5101,"href":"https:\/\/gf-sle.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5088\/revisions\/5101"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gf-sle.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5088"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gf-sle.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5088"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gf-sle.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5088"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}