{"id":5699,"date":"2019-12-18T11:03:19","date_gmt":"2019-12-18T11:03:19","guid":{"rendered":"http:\/\/gf-sle.de\/?p=5699"},"modified":"2020-01-23T14:43:45","modified_gmt":"2020-01-23T14:43:45","slug":"aus-der-bilderkiste-die-letzten-kriegsmonate","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gf-sle.de\/?p=5699","title":{"rendered":"Aus der Bilderkiste \u2013 Die letzten Kriegsmonate"},"content":{"rendered":"<p>Ab 1939 hatte die Wehrmacht auf Befehl Hitlers den Krieg nach Europa getragen. Weite Teile des Kontinents waren bald verw\u00fcstet, <!--more--> aber die Nordeifel lag bei alldem buchst\u00e4blich \u201eweit vom Schuss\u201c, die Bev\u00f6lkerung lebte in relativem Frieden. Seit Anfang 1943 erlebte die Wehrmacht mit ihren Verb\u00fcndeten im Osten zunehmend Niederlagen und musste sich Zug um Zug zur\u00fcckziehen. Am 6. Juni 1944 gelang den Westalliierten schlie\u00dflich eine Landungsoperation an der Normandie-K\u00fcste. Bei schweren Verlusten auf beiden Seiten konnte das Invasionsheer unter amerikanischer F\u00fchrung den Br\u00fcckenkopf ausweiten; nach wenigen Wochen mit weiteren schweren K\u00e4mpfen zog sich die Wehrmacht durch Frankreich und Belgien zur\u00fcck hinter die Befestigungen an der deutschen Westgrenze. Die amerikanischen Truppen setzten nach und erreichten bereits im Sp\u00e4tsommer und fr\u00fchen Herbst die Nordeifel. Vor den sog. \u201eWestwall\u201c, einer Kette von Bunkern und Panzerhindernissen entlang der deutschen Westgrenze, machten sie zun\u00e4chst Halt, um sich auf den Angriff gegen das Reichsgebiet vorzubereiten. Milit\u00e4risch hatte die als \u201eWestwall\u201c bekannte Befestigungslinie allerdings nur noch geringe Bedeutung. Die schwere Bewaffnung der Bunker war seit dem Herbst 1940 demontiert worden.<\/p>\n<p>So erreichte die Kriegsfurie im Herbst 1944 in \u00fcberraschendem Tempo und mit voller Wucht die Westgrenze des Schleidener Landes. Nach den Sommerferien 1944 wurden regional die Schulen geschlossen, zahllose \u00e4ltere Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mussten zu einem von der NSDAP chaotisch organisierten \u201eSchanzeinsatz\u201c ins Frontgebiet ausr\u00fccken. Das betraf etwa die Schleidener Oberschule. Zigtausende weitere Hilfskr\u00e4fte schaufelten zwischen Losheim und Wahlerscheid Panzergr\u00e4ben oder andere Erdstellungen.<\/p>\n<p>Es war Aufgabe der US-Air-Force, ihren Bodentruppen im Hinterland der deutschen Front durch die Zerst\u00f6rung von Nachschubwegen, Verkehrsanlagen, milit\u00e4rischen Zielen und den Angriff gegen deutsche Truppenansammlungen das Feld zu bereiten. In der Folge verwandelte ein massierter Bombenkrieg das gesamte westliche Schleidener Kreisgebiet in ein w\u00fcstes Tr\u00fcmmerland. Viele Zivilisten flohen im Lauf des Herbstes und Winters aus der Gefahrenzone in weiter \u00f6stlich gelegene Regionen. Manche gingen nur bis in den Raum Mechernich-Z\u00fclpich, andere suchten auf der rechten Rheinseite im Bergischen ihr Heil. Viele strandeten bei der als \u201eEvakuierung\u201c bezeichneten R\u00fcckf\u00fchrung in den mitteldeutschen Gebieten. Andere entzogen sich jedoch der geforderten Abfahrt, sie verkrochen sich in Kellern, Erdl\u00f6chern oder den im Sommer 1944 eilig errichteten Stollen. So etwa am Schleidener H\u00f6ddelbusch und an der Monschauer Stra\u00dfe. &nbsp;Am 7. Februar 1945 starben vor dem H\u00f6ddelbusch-Stollen neun Zivilisten durch eine Granate. In Gem\u00fcnd wurden bei einem Angriff die Schutzsuchenden im Stollen durch einen Volltreffer versch\u00fcttet, sie konnten aber lebend geborgen werden. Andere Gem\u00fcnder versuchten, bis zur Ankunft der US-Truppen in einem im Kreuzbergtunnel stehenden Zug das Inferno zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Seit dem Herbst 1944 erfolgten beinahe t\u00e4glich schwere Luftangriffe auf Ziele in der Region. Am 13. Dezember 1944 beispielsweise auf Schleiden, wo sich neben den letzten Einheimischen auch etwa 2.000 deutsche Soldaten aufhielten. Der Angriff richtete besonders im Bereich des damaligen Hauses Fesenmeyer ein Blutbad unter den Soldaten an, neben etlichen Zivilisten starben 33 Wehrmachtangeh\u00f6rige sowie elf sowjetische Kriegsgefangene auf dem Schloss. Die Innenstadt lag nachher in Tr\u00fcmmern. Zwei Tage sp\u00e4ter gerieten Wollseifen, Harperscheid, Vogelsang und Heimbach in den Bombenhagel. Ein am 16. Dezember 1944 gestarteter Gegenangriff der Wehrmacht brach nach wenigen Tagen zusammen. Aber der Bombenkrieg, nun auch h\u00e4ufig unterst\u00fctzt durch Artilleriebeschuss, setzte sich noch \u00fcber Monate fort. Darunter litt die verbliebene Zivilbev\u00f6lkerung sehr.<\/p>\n<p>In einem Brief vom 27. Januar 1945 schilderte der in Schleiden gebliebene Ernst Hennes eindringlich die Situation: \u201eIch habe schon Hunderte mit begraben und viel Grauenhaftes gesehen. Au\u00dferdem begraben wir kaputte Pferde, in Schleiden liegen z.Z. nur 22 St\u00fcck. Auch graben wir immer nach toten Soldaten.&nbsp; [\u2026] Wenn Flieger kommen, sind wir nat\u00fcrlich gleich weg und den gr\u00f6\u00dften Teil des Tages verbringen wir in irgendeinem Stollen; dadurch kriegen wir nicht viel getan und haben auf dem Kammerwald meist einige Dutzend Leichen auf Vorrat. [\u2026] Wie es nach dem f\u00fcnften gro\u00dfen Bombenangriff hier aussieht, kann ich nicht schildern. Ich kenne mich selbst nicht mehr aus. Nichts als Tr\u00fcmmer und Trichter und Verw\u00fcstungen, soweit das Auge reicht [\u2026] Vom Bahnhof bis Dardennes Fabrik ist ein Trichter neben dem anderen [\u2026] Hier ist fast kein Dorf mehr, was noch nicht angegriffen wurde, selbst Wintzen und Kerperscheid bekamen Bombenteppiche. Gem\u00fcnd, Kall, Mechernich und andere gr\u00f6\u00dfere Orte sind nat\u00fcrlich ganz kaputt und g\u00e4nzlich ver\u00f6det. Die Artilleriet\u00e4tigkeit hat in den letzten Wochen stark zugenommen, wir haben fast jeden Tag und jede Nacht Beschuss. Am Abend schossen sie 36 Schuss in noch nicht zehn Minuten hier herein.\u201c (Hier zitiert nach: Otto Kersting: Zukunft braucht Erinnerung, Schleiden 1995, S. 49f)<\/p>\n<p>Ende Januar erfolgte auf breiter Front und wiederum mit zahllosen Opfern der Durchbruch der US-Truppen durch die vordere Westwall-Linie auf die Dreiborner H\u00f6he. Sie eroberten am 4. Februar 1945 Dreiborn, Wollseifen, Vogelsang und die Urftstaumauer. Seit dem 23. Februar befand sich die Dreiborner H\u00f6he vollst\u00e4ndig in der Hand der Amerikaner. Dort blieben die US-Truppen zun\u00e4chst stehen. Die Stollen- und Keller-Bewohner der Tallagen mussten sich einen weiteren Monat in ihren meist verlausten, kalten und feuchten Schutzr\u00e4umen bei ungewisser Versorgungslage durchschlagen. Erst Anfang M\u00e4rz 1945 gingen Amerikaner schlie\u00dflich entschlossen auf die Tr\u00fcmmerw\u00fcsten Schleiden und Gem\u00fcnd los, die sie bereits am 4. M\u00e4rz unter Kontrolle hatten. Am 8. M\u00e4rz 1945 endeten die letzten K\u00e4mpfe im Kreisgebiet Schleiden.<\/p>\n<p>Die regionale Bilanz des Krieges war verheerend. Mehr als 2.000 Gefallene aus dem Kreisgebiet Schleiden an allen Kriegsfronten waren zu beklagen, 768 Zivilisten waren Opfer von Bomben oder Granaten geworden, Tausende hatte der Krieg verkr\u00fcppelt. 163 starben sp\u00e4ter noch bei Minenungl\u00fccken. Auch der materielle Schaden war gewaltig: Zahllose H\u00e4user, Kirchen und Schulen, das Schleidener Schloss, Br\u00fccken, Stra\u00dfen und Schienenanlagen sowie die meiste sonstige Infrastruktur waren vernichtet. <em>Ein Beitrag von F.A. Heinen ngg_shortcode_0_placeholder&nbsp;<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab 1939 hatte die Wehrmacht auf Befehl Hitlers den Krieg nach Europa getragen. 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