Aus Wynthusen wurde Wintzen

Einige Mosaiksteine aus der Geschichte des wohl kleinsten Ortes im Stadtgebiet Schleiden.

Wintzen wurde erstmals 1451 als Lehnshof der Schleidener Grafen erwähnt, als die Bewohner 6 Malter Hafer, 6 Hühner und 1 Schwein jährlich abzuliefern hatten. Während der wesentlich ältere Hof Bergersfeld, der etwa 1 km weiter nordwestlich lag, längst untergegangen ist, hat sich in Wintzen die Besiedlung erhalten. Der älteste bekannte Name des Ortes ist ein „Peter Heynen van Wynthusen“, dessen Sohn 1502/03 im Lagerbuch der Abtei Steinfeld genannt wird mit der Verpflichtung, jährlich ein Huhn und einen Dienst-Tag Arbeitsleistung zu erbringen. Windhusen, also ein windreicher Ort am Waldrand, dürfte ein recht zutreffender Name für die alles andere als optimale Lage sein. Wer also beim Ortsnamen Wintzen die Herkunft aus dem weinanbauenden Winzer ableiten will, der liegt gründlich falsch.

Blick vom Höhenweg aus Richtung Broich hinab nach Wintzen in den 1950er Jahren

Vom Höhenweg aus Richtung Broich hinab nach Wintzen in den 1950er Jahren

Über viele Jahrhunderte entwickelte sich der Ort kaum. In einer Bevölkerungsliste aus dem Jahr 1782 sind nur 2 Häuser mit insgesamt 9 Einwohnern erfasst. Die Besitzer Hilliger Theisen und Peter Clahsen wohnen in zwei heckenumsäumten Häusern auf der Hochfläche, die ortsnah noch recht dicht bewaldet ist, während in größerer Ortsferne nur kahle Höhen zu sehen sind – Folge des Raubbaus an Brennholz und Holzverkohlung, die schon der Schleidener Herr August von der Marck um 1730 beklagte. Das Weiderecht, welches den Wintzener im Kindshardt zugestanden war, dürfte dagegen bei nur zwei Gehöften weniger zur Waldvernichtung beigetragen haben. Und es ist recht unwahrscheinlich, dass man (damals) in Wintzen reich werden konnte. Im Jahre 1796 klagt ein Johann Stoffels aus Urft gegen die Witwe eines Wintzener Bauern wegen einer Restschuld von einer geliehenen Kuh.

In diesem Rahmen kann die Geschichte des Ortes nicht detailliert geschildert werden, auch wenn sie durchaus Interessantes zu bieten hat, wie z.B. eine Konzession für ein Kupferbergwerk Wintzen aus dem Jahre 1855, welches dann doch nicht realisiert wurde.

Bemerkenswert aus heutiger Sicht ist die Tatsache, dass die Bewohner des Ortes bis weit ins 20. Jahrhundert weder auf Schleiden noch auf Olef orientiert waren, sondern auf Golbach. Bis 1972 gehörte Wintzen wie der erwähnte Selbacherhof und sogar Teile Olefs zur Gemeinde Golbach, damit zum Amt Kall – Folge einer uralten Grenzziehung zwischen der Herrschaft Schleiden und dem Herzogtum Jülich. Daher liefert die Geschichte Golbachs, die Helmut Jonas detailliert erstellt hat, auch zahlreiche Informationen über Wintzen. Fast durchgängig stellte Wintzen ein Mitglied des Golbacher Gemeinderates, die Kinder aus Wintzen gingen in Golbach zur Schule- natürlich zu Fuß bei jeder Witterung durch den Wald -, und in der Golbacher Schulchronik wurden fünf Gefallene des 1. Weltkriegs aus Wintzen aufgelistet. Im Kriegswinter 1941/42 muss der Schulweg besonders beschwerlich gewesen sein, weil regelmäßig nächtliche Winde, die tagsüber mühsam vom Schnee freigemachten Wege wieder zugeweht hatten. 1858 hatte der Schleidener Bürgermeister beantragt, dass die Kinder aus Wintzen nach Schleiden eingeschult werden sollten, wo sie zum Religionsunterricht – da der Ort zur Pfarre Schleiden gehörte – sowieso hinkommen mussten; und das am gleichen Tag, an dem sie nach Golbach zum übrigen Unterricht gingen – sie mussten im wahrsten Sinne des Wortes gut zu Fuß sein. Der Golbacher Gemeinderat lehnte dieses Ansinnen entschieden ab, da es den Schleidenern nur darum ginge, das Schulgeld für die Wintzener Kinder zu kassieren.

Im Jahr 1925 beschloss der Golbacher Rat die Errichtung einer öffentlichen Fernsprechstelle in Wintzen. Obwohl die Wintzener sich weigerten, die Kosten für diese Stelle zu tragen, wurde sie aufrecht erhalten:“Der Rat war der Meinung, daß diese einzige Verbindung des weit abgelegenen Ortes Wintzen mit der Umwelt nicht aufgehoben werden dürfe.“ Noch 1957 gehörte Wintzen zu den wenigen Orten der Eifel, deren Einwohner noch Wasser aus Brunnen schöpfen und pumpen mussten. Der recht kostspielige Bau eines Hochbehälters bei Straßbüsch, dessen Wasser über einige Kilometer nach Wintzen gepumpt wurde, brachte schließlich eine Wasserversogung für den Ort. Darüber schrieb Lehrer Hahn in der Golbacher Schulchronik: „In Wintzen liefen in diesen Tagen sehr oft die Wasserhähne, und manche Hausfrau und Mutter mag in stummer Ergriffenheit vor dem zischenden Wasserstrahl gestanden haben, in ihren Augen der Schimmer wahren Glücks und gesegneten Reichtums.“ Da man offensichtlich recht reichlich Gebrauch von dieser fortschrittlichen Entwicklung machte, wurde 1960 der Einbau von Wasseruhren beschlossen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Ort 49 Einwohner. Heute (31.12.2025) sind es 68. Und auch wenn inzwischen seit über 30 Jahren die örtliche Gastwirtschaft von Josef und Maria Henz geschlossen ist, darf man ein sehr lebendiges Dorfleben feststellen. Dafür sorgt der Dorfgemeinschaftsverein, der sich auch für die Erhaltung der schönen Wegekapelle sehr engagiert.Autor: Norbert Toporowsky 

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