Der letzte trennende Hügel, bevor Olef und Urft in Gemünd ineinanderfließen, ist der Fallstockshövel. Diesen Namen liest man zumindest in den alten Karten. „Hövel“ ist der Begriff, den der Eifeler für eine kleine Erhebung wählt, wie er auch beim Monthövel, dem Maulwurfshügel, Verwendung findet. Als Fallstock ist in Gemünd die
untere Schleidener Straße bis zum Bahnübergang bekannt. Laut Heimatforscher Wilhelm Günther geht der Name darauf zurück, dass hier in unsicheren Zeiten des späten Mittelalters nachts ein Fallgitter herabgelassen wurde, um den Zutritt von unliebsamen „Gästen“ zu verhindern. Vom Fallstock aus führt der Steinweg – wiederum laut Wilhelm Günther auf einer alten Römerstraße angelegt – auf den besagten Hügel. Von dort aus steigt der Weg dann an auf den Forst (dr Vorsch) am Fuß des noch höheren Wackerbergs. Der Name Forst scheint daraus entstanden, dass dort auch zu einer Zeit, als die übrigen Waldbestände des Raumes aus verschiedenen Gründen abgeholzt waren, immer noch eine bewaldete Fläche verbleiben war.
Da nun seit etwa 140 Jahren ein Kreuz an der markanten Stelle der Aussicht auf den Ort steht, wird der Hügel heute als Kreuzberg bezeichnet. Wie und wann kam nun das Kreuz auf den Hövel? Karten aus dem frühen 19. Jahrhundert weisen es nicht aus. In einer Karte der Besitzparzellen aus dem Jahr 1872 ist dann am heutigen Standort des Kreuzes eine kleine, nur wenige Quadratmeter große, rautenförmige Parzelle eingezeichnet. Diese Parzelle hatte der damalige Kaplan Peter Josef Krücken aus eigenen Mitteln erworben. Er war von 1862 bis 1887 in Gemünd tätig, hier sehr beliebt und nebenbei auch ein geschickter Uhrmacher, er sprach mit den Menschen platt und sein Beichtstuhl wurde von nah und fern aufgesucht. Nachdem im Jahre 1862 die neue (heutige) Pfarrkirche errichtet worden war, wurde die bisherige kleine Kirche überflüssig und 1866 abgerissen. Kaplan Krücken sorgte nun dafür, dass das Holzkreuz aus der bisherigen Kirche nicht verlorenging, sondern auf eben dem Grundstück errichtet wurde, das er zu diesem Zweck erworben hatte.
Natürlich war dem gewiss schon älteren hölzernen Kreuz auf dem Fallstockshövel, dem Eifelwetter und Eifelwinter ausgesetzt, keine lange Lebensdauer mehr beschieden. So sammelte Kaplan Krücken in den Folgejahren Gelder, um ein Steinkreuz dort errichten zu lassen – zur Zeiten des Bismarckschen Kulturkampfes bestimmt kein leichtes Unterfangen. Doch auch die evangelische Bevölkerung Gemünds trug mit ihren Spenden dazu bei, dass noch bevor der Kaplan aus Gemünd abberufen und nach Kinzweiler (heute Stadt Eschweiler) versetzt wurde, hinreichend Geld zusammengekommen war, um das Steinkreuz zu errichten, ein knapp vier Meter hohes Sandsteinkreuz auf einer Bodenplatte aus Blaustein. Die Signatur W. Reusteck dürfte wohl auf den damaligen Steinmetz hinweisen. Es trägt die Inschrift „Selig die Toten – die im Herrn sterben“, eine Sentenz aus der Offenbarung des hl. Johannes, der Apokalypse. Nur schwach ist ein „Joh“ neben dem Zitat zu erkennen. Alle anderen Einritzungen sind jüngeren Datums und teilweise vandalischen Ursprungs. 1888 kaufte dann die katholische Pfarrgemeinde Grundstück und Kreuz.
In Anbetracht des hohen Zerstörungsgrades von Gemünd im Zweiten Weltkrieg mag es an ein Wunder grenzen, dass das Kreuz weitgehend unversehrt geblieben ist (ebenso wie der Nepomuk an der Flussmündung). In der Nachkriegszeit waren Kreuzberg und Forst der Arbeitsbereich eines Gemünder Originals: Stritz, wie er von den Einheimischen genannt wurde. Mit Unterstützung mehrerer Zeitzeugen (vor allem des früheren Nachbarn Herbert Poth sowie Gregor Ronig) kann man sich der Person annähern:
Natürlich hieß Stritz nicht Stritz, sondern eigentlich Franz Cremer. Vom ehemaligen Zehnthof aus bewirtschaftete er die oberhalb des Hofes gelegenen Flächen auf dem Kreuzberg. Die Eltern von Franz wohnten ursprünglich in Ettelscheid, wo ihr Haus abbrannte. Sie erwarben später den 1669 erbauten Zehnthof. (Die Buchstaben auf der Außenfassade MH MS weisen auf den Erbauer Matthias Hochgürtel und seine Ehefrau Magdalena Schoeller hin; um 1900 war der Hof im Besitz einer Familie Königs). Franz hatte drei Geschwister: Paul, den bekannten Maler, Gertrud (Trautsche), die unverheiratet war, und Hermann, der nach Nierfeld heiratete und als Chauffeur in Vogelsang tätig war. Franz übernahm den elterlichen Hof, wo er mit der Witwe seines Bruders lebte.
Er war von eher kleiner, schmaler Gestalt, die meist mit schnellem Schritt und nicht selten im Selbstgespräch (Eekall) unterwegs war. Leider konnte trotz intensiver Suche kein Foto von ihm aufgetrieben werden. Sollte sich in der Leserschaft jemand finden, der ein solches zur Verfügung stellen kann, wären wir sehr dankbar.
Und wie kam er zu seinem Spitznamen Stritz? Herbert Poth berichtet: Im Innenhof des Zehnthofs stand eine Futterkiste mit Hafer für das Vieh. Franz fütterte das Vieh und bediente sich in der Futterkiste. Dabei fand er einen Beutel mit 60 Mark. Nun tanzte er wie Rumpelstilzchen um die Kiste und rieb sich voller Freude die Hände. Dabei rief er voller Inbrunst : „Ich han dat Jeld jestritz! Ich han dat Jeld jestritz!“ So hatte er sich seinen Namen selbst gegeben. Autor: Norbert Toporowsky


