Eine besondere Sammlung historischer Briefe der aus Gemünd stammenden Familie Kaufmann hat das Geschichtsforum Schleiden am 19. Mai an das Stadtarchiv Schleiden übergeben. Die Schreiben stammen von der jüdischen Familie Kaufmann aus Gemünd, die in den 1930er-Jahren vor der nationalsozialistischen Verfolgung fliehen musste. Die Briefe wurden aus Brasilien an die frühere Gemünder Nachbarin Hedwig Knott geschickt und geben heute einen bewegenden Einblick in das Schicksal der Familie sowie in das frühere Zusammenleben von jüdischen und christlichen Einwohnern in Gemünd.
Dr. Norbert Toporowsky vom Geschichtsforum Schleiden betonte bei der Übergabe, dass die Briefe eindrucksvoll dokumentieren, wie eng und freundschaftlich die Beziehungen zwischen den jüdischen Familien und ihren Nachbarn vor der NS-Zeit gewesen seien.
Die Familie Kaufmann gehörte zu den wenigen jüdischen Familien aus der Region, denen die Flucht aus Deutschland gelang. Mutter Helene Kaufmann wanderte gemeinsam mit ihren Söhnen Emil und Oskar nach Brasilien aus. Sohn Richard, der bereits 1934 Deutschland verlassen hatte, floh nach Amsterdam. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande wurde er jedoch zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Dass die Briefe heute noch erhalten sind, ist einem Zufall und dem Engagement mehrerer Beteiligter zu verdanken. Die Gemünderin Ulrike Konrads entdeckte die Dokumente 2013 bei der Auflösung des Haushalts einer Verwandten von Hedwig Knott. Über Klaus Stüber vom Geschichtsforum Schleiden gelangten die Briefe schließlich in die Hände von Heike Schumacher vom Johannes-Sturmius-Gymnasium.
In den vergangenen Jahren transkribiert und wissenschaftlich aufgearbeitet von Dr. Toni Offermann, von Schülerinnen und Schülern aufgearbeitet und um weitere Recherchen zur Geschichte der Familie Kaufmann ergänzt konnte das Ergebnis dem Stadtarchiv Schleiden übergeben werden.
Klaus Stüber erinnerte daran, dass mit den Briefen nicht nur persönliche Schicksale bewahrt werden, sondern auch ein wichtiges Stück Stadtgeschichte. Besonders eindrucksvoll sei ein Satz von Helene Kaufmann aus einem Brief aus dem Jahr 1953: „Vergeben, aber nicht vergessen, das kann man nicht.“
Archivarin Nicole Gutmann hob bei der Übergabe die besondere Bedeutung solcher persönlichen Dokumente hervor. Während amtliche Unterlagen aus der Zeit des Nationalsozialismus oft verloren gegangen oder vernichtet worden seien, vermittelten Briefe, Tagebücher und persönliche Aufzeichnungen ein unmittelbares Bild der damaligen Lebenswirklichkeit. „Nur diese Dokumente geben der Geschichte ein menschliches Gesicht“, betonte sie.
Mit der Übergabe der Originalbriefe an das Stadtarchiv Schleiden bleiben die Erinnerungen an die Familie Kaufmann und das jüdische Leben in Gemünd dauerhaft bewahrt.

